Biografie

*1960 Geboren in Glarus, aufgewachsen in St. Gallen (Schweiz). Jürg Kindles Gitarrenwerk gehört heute zum Standardrepertoire in der Gitarrenliteratur

1966 Es muss ein sonniger Frühsommermorgen im Jahre 1966 gewesen sein, als meine Mutter wie jeden Morgen unser Zimmer, welches gleichzeitig als Stübli diente betrat, um meinen Bruder und mich zu wecken. Ich war damals 6 jährig. Ich erinnere mich an die mit Staubpartikeln gesättigten Sonnenstrahlen, die kegelförmig das Zimmer durchfluteten und ein Gefühl von Wohligkeit und purer Lebensfreude verströmten. Wie immer ging Mutter zuerst zu unserem Blaupunkt Riviera Röhrenradio Baujahr 1954 und drückte eine der 7 weissen Tasten, dass es laut knackte... Es vergingen keine 2 Minuten bis sich der neueste Beatles- Song mit dem Duft von Kaffee und Kakao aus der Küche und dem Sonnenlichtkegel in meinem Zimmer vermischte. Diese Stimmung erfüllte mich mit derart starken Heimat- und Glücksgefühlen, dass ich noch heute bei jedem Song der Beatles unweigerlich mein sonnendurchflutetes Kinderzimmer vor mir sehe und Kakaoduft rieche...

Jürg Kindle aus Memoiren „Musik er leben“

 

1980 .....Als junger Gitarrenlehrer in den frühen 1980-er Jahren begann ich für meine Schüler selbst Stücke zu komponieren. Auf dem Markt gab es damals noch kaum brauchbares Gitarren -Unterrichtsmaterial für die Bedürfnisse eines bald flächendeckenden Musikschulwesens. Nach nunmehr 30 Jahren Unterrichtens und Komponierens darf ich auf ein reiches Gitarrenwerk mit über 60 Publikationen bei international renommierten Verlagen zurückblicken....

 2000 ....Die Werke erscheinen weltweit als Pflichtstücke an Gitarrewettbewerben oder auf Konzertprogrammen. Rund um den Globus erreichen mich aufmunternde und begeisterte Mails von Gitarrenensembles und Solisten und jedesmal ist es, als blinzle mir der Sonnenstrahl aus meinem Kinderzimmer des Jahres 1966 zu...

2010...Es wird Zeit, Ordnung in den Regalen und Schubladen zu schaffen und ein zeitgemässes Werkverzeichnis einzurichten. Viel Material kommt  dabei zum Vorschein. Vieles wurde nie veröffentlicht oder es waren Arrangements für meine Schülerensembles für einen bestimmten Anlass.Dem Besucher bietet sich nun auf meiner Website ein reichhaltiges Menue mit Gitarrenmusik für alle Bedürfnisse.


Gitarrist oder Drummer

 
Mit 14 Jahren kaufte ich mir eine klassische Gitarre und dazu eine Blues Harp mit Ständer. Ich wollte Neil Young’s Mundharmonikasolo von „Heart of Gold“ um jeden Preis nachspielen. Gleichzeitig begann ich mit einem Gruppen- Gitarrenkurs. Der Unterricht bestand darin, dass etwa 10 Leute im Kreis angeordnet waren und der Leiter, ein Primarlehrer, von Band einen Song nach dem anderen runterspielte. Alle schrummten dazu was das Zeug hielt. Wir erhielten eine Grifftabelle und die Songs mit den Texten und Griffen dazu. Nach ein paar Stunden konnte ich genügend Griffe für die Songs von Neil Young und hörte auf mit dem Unterricht. In meiner Euphorie spannte ich Stahlsaiten auf meine klassische Gitarre kaufte Fingerpicks und begann alles nachzuspielen was meine Ohren in die Finger kriegten. Das Radio war jetzt mein Gitarrenlehrer. Dazu hatte ich stets den Mundharmonikaständer umgehängt und mehrere Blues Harps in verschiedenen Tonarten gehörten zu meinem Accessoire.  Es war eine böse Überraschung, als eines Morgens meine Gitarre wie eine Banane mit nach oben gekrümmten Hals an meiner Wand gelehnt stand. Seither weiss ich, dass eine Stahlsaitengitarre , oder Westerngitarre wie sie auch genannt wird, sich in ihrer Bauweise von der klassischen Gitarre unterscheidet.
 
Zur gleichen Zeit wirkte ich als Schlagzeuger in einer Rockband. Im örtlichen Tambourenverein hatte ich mir seit meinem 10.Lebensjahr alle „Rudiments“ wie Einfach,- Doppelwirbel, Paradiddle, Schleppstreich und gebundene Rufe  angeeignet. Dazu kamen die Grundlagen der Basler Trommelkultur wie Bataflafla, Mühleradstreiche, Doublé. Ich entwickelte einen unstillbaren Hunger, das ganze Universum der Perkussionsinstrumente zu erforschen, bildete mich weiter in Latin Percussion und fühlte mich nur noch wohl, wenn mich zuhause unzählige Trommelinstrumente aus allen Kulturkreisen umgaben…….Später weitete sich diese Sammelwut noch auf die Saiteninstrumente aus. Saz, Chiftelia, Bouzouki, Mandolinen, Bandolim, Cavaquinho, 12-string Gitarren, Oktav- Quint- Quart- Kontrabassgitarren schmückten meine vier Wände.
 
Nach Beendigung der Lehrerausbildung hatte ich die Qual der Wahl: klassisches Gitarrenstudium oder Besuch der Jazzschule als Schlagzeuger. Ich entschied mich für das Gitarrenstudium fühlte mich innerlich aber immer als Drummer. In meiner Biografie als Komponist ist diese Tatsache klar erkennbar, denn ich musste auf der Gitarre ja auch mein Trommlerherz ausleben. Die „Percussion Guitar Music“ war eine erste gitarristische Huldigung an die Welt der Perkussionsinstrumente.

 

Berufliche und ehrenamtliche Tätigkeiten

1981 - 1983 Primarlehrer
1982 - 1990 Mitbegründer der JMS Goldach, Gitarrenlehrer und Lehrer für Musikalische Grundschule
1987 - 1990 Musiklehrer an der OSSP (Ostschweizerische Schule für Sozialpädagogik)
1989 - 1990 Gitarrenlehrer am Lehrerseminar Mariaberg in Rorschach
1990- 2010 Gitarren - und Mandolinenlehrer an der JMS St.Gallen
Ensembleleiter und Gründer der Gitarrenorchester "Kalimba" und "Guitarrissimo"
Konzeption und Leitung von Schulhauskonzerten in der Stadt St.Gallen
1990 Gründung der Abteilung Musikalische Grundschule an der JMS St.Gallen
1993 - 1999 Mitglied des Vorstandes der SAJM (Schweizerische Arbeitsgemeinschaft für Jugend und Musik)  
1993 - 2000 Präsident der Sektion Ostschweiz des SMPV
(Schweizerischer Musikpädagogischer Verband)
 
seit 1996 Internationale Tätigkeit als Gitarrist, Referent, Dozent und Kursleiter  
1990 - 2000 Lehrer für Musikalische Grundschule an der JMS St.Gallen
1994 - 1996 Konzept und Leitung der berufsbegleitenden Ausbildung für Musikalische Grundschule im Kanton St.Gallen. (Pilotprojekt)
2004 -2007 Ausbildung astrologische Lebensberatung
seit 2006 Dozent an der Pädagogischen Hochschule in Rorschach (Schweiz)

 

Besondere Auszeichnungen

1999 Werkbeitrag der Stadt St.Gallen für die "Guitar Symphony"
2006 Kulturförderungspreis der Stadt St.Gallen in der Sparte Klassik

 

 

Laudatio Jürg Kindle
zur Verleihung des Kulturförderpreises der Stadt St.Gallen 2006

von Norbert Schmuck

Meist ereilen ihn Einfälle überfallmässig, sagt Jürg Kindle. Dann gäbe es für ihn kein Halten mehr: Wenn ein Einfall einmal da sei, müsse er an die Arbeit, um ihn zu vertiefen, zu bearbeiten; ihm Form und Inhalt geben. Arbeitstiermässig arbeite er dann auch schon mal Nächte durch.

Jürg Kindle’s mit Notenbeispielen 72 Seiten umfassender Werkkatalog beeindruckt: Gitarrenschulen, Musiktheoretische Schriften, Eigene Kompositionen sowie Bearbeitungen für Sologitarre, Duos, Trios, Quartettte, grosse Ensembles, CD’s und Angaben zu Workshops und Seminaren.

Seine Hauptverdienste würden in der didaktisch-methodischen Arbeit liegen, meint er. In seiner 25-jährigen Tätigkeit als Gitarrenlehrer sei er immer wieder an Grenzen gestossen, habe – trotz eingehender Suche auf dem Musikmarkt - klare Linien bei der Vermittlung von gitarristischen Grundlagen sowie Konzepte für eine ganzheitliche Musikerziehung vermisst. Es sei ihm klar geworden, dass er selber aktiv werden musste, um seinen Ansprüchen an den Unterricht gerecht zu werden.

Jürg Kindle machte also aus der Not des Musikpädagogen, seine Schülerinnen und Schüler immer wieder von neuem zu motivieren, eine Tugend und schrieb methodisch-didaktische Literatur und Gitarrenschulen, die heute übrigens international als Standardliteratur im Gitarrenunterricht verwendet werden.

Jürg Kindle lebt seit seinem vierten Lebensjahr in St. Gallen. Hier befinde sich sein Lebensmittelpunkt. Hier würden ihn seine Einfälle überfallen, würden Kompositionen und Lehrwerke entstehen. St. Gallen sei sozusagen sein schöpferischer Mittelpunkt.

Seine musikpädagogische Ader schlug bereits im Tambourenverein, wo er sechs Jahre lang als Ausbildner der Kinderfesttambouren tätig war. Heute ist er hauptsächlich als Dozent an der Pädagogischen Hochschule in Rorschach sowie an der Jugendmusikschule in St. Gallen tätig.

„Warum man wollen nicht müssen kann“ oder was hat es mit der Musik als fünftes Element auf sich? Jürg Kindle setzt sich seit Jahren mit Astrologie auseinander und ist als astrologischer Berater tätig. Diese Auseinandersetzung haben ihn dazu geführt, pädagogische Arbeit als ein ausgewogenes Zusammenspiel der vier Elemente zu sehen: Zuerst ist der Schüler oder die Schülerin „Feuer“ und Flamme für das Instrument, baut sich „Luft“-Schlösser. In seinen Fantasien sieht er sich schon als Popstar auf der Bühne, nimmt bereits ein „Wasser“-Bad in der Menge... um dann in der Musikstunde auf die „Erde oder die Welt“ zu kommen. Für Kindle ist die Musik das fünfte Element, das entsteht, wenn im Unterricht die vier Grundelemente in einem ausgewogenen Verhältnis zueinander stehen. Dies alles und insbesondere, was es mit den verschiedenen Elementen auf sich hat, ist nachzulesen in einem seiner Referate mit dem Titel „Musik – das fünfte Element“ oder eben „Warum man wollen nicht müssen kann!“

Die intensive Beschäftigung mit der Musikvermittlung hat auch sein kompositorisches Schaffen beeinflusst. Davon zeugen Kompositionen wie bswp. die Zirkussuite „Manege frei“. Kindle schuf viele Werke für den Musikunterricht, in den verschiedensten Besetzungen. Daneben entstanden aber auch grosse Werke wie die „Guitar Symphony“ oder die „Percussion Guitar Music“. Mit seinen zahlreichen Bearbeitungen von Werken bekannter Komponisten wie Monteverdi, Händel, Ravel und anderen, erweiterete er das musikalische Spektrum der Gitarrenliteratur. Kindles neuestes Kind sind die Bearbeitungen von Vivaldi’s „L’Estro harmonico“ für fünf Gitarren, die jüngst in der Tonhalle vorgestellt wurden und auf CD herausgekommen sind.

Jürg Kindle sagt, dass er an der Pädagogischen Hochschule Rorschach seine Erfahrungen und Interessen in den verschiedenen musikalischen Bereichen optimal verwirklichen kann. Ich wünsche ihm nochmals 25 Jahre musikalische Überfälle und durchkomponierte Nächte. Und vielleicht findet sich im musikalischen Kosmos ja noch ein sechstes Element, das es zu erforschen gilt.

 

Lieber Jürg, ich gratuliere Dir ganz herzlich zum Förderpreis der Stadt St. Gallen.

 

drummer 1980Feuerlauf 2006gitarrist 1980Portrait mit Gitarre
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